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Interview mit Andreas Bauer vom Presswerk my45

Durch die diversen Streaming Dienste wie etwa Deezer, Spotify und Youtube, rückt die gute alte Schallplatte immer weiter in den Hintergrund. Dieses dachte man auch als das mp3 Format vor Jahren raus kam. So nach und nach sind auch die DJs auf das digitale Format umgestiegen. Die Folge, in vielen Diskotheken und Clubs stehen den DJs schon gar keine Plattenspieler mehr zur Verfügung. Das Handwerk hat schlicht weg ausgedient. Die neuere Generation von DJs und Musikliebhaber haben nicht einmal mehr eine Vinyl in der Hand gehabt, somit kennen sie die Wertschätzung und Musikkultur sowie das Handling nicht um mitreden zu können.

Bei Kinder und Jugendlichen haben Schallplatten in ihrem Leben nicht mal ansatzweise Platz im Gedächtnis, geschweige denn als Gegenstand in ihrem Besitz. Spätestens wenn die Frage deiner Kinder auftaucht: Du Mami, weiß du eigentlich was eine Vinyl ist? Ist es Zeit für die wahre Aufklärung in einem ruhigen Gespräch zu suchen.

Da die älteren Musikfans mit der Vinyl aufgewachsen sind, wie die Jugend heute mit Youtube & Co. sind auch Andreas Bauer und sein Partner Helge Sudau durch ihr Hobby zu dieser Materie gekommen. Während viele aus der Musikbranche schon den Tod der Vinyl vor den Augen hatten, wurden die beiden zum Queerdenker und machten genau das Gegenteil. Sie wollten Vinyls Pressen und gründeten eine eigene Firma. Ganz unter dem Motto: Totgesagtes leben länger!

Redaktion:

Hallo Andreas,

vom gelernten Radio- und Fernsehtechniker und Hobby – DJ bis hin zum Spezialist die Kunst Vinyl zu pressen um das Endprodukt zu fertigen, klingt fast wie: vom Tellerwäscher zum Millionär. Wie kam es zur Erkenntnis, dass der Vinyl Markt in den nächsten Jahren wieder so stark ansteigt. Was hat dich dazu bewegt mit deinem Partner diesen Weg zu gehen, um aus dem Hobby euren jetzigen Beruf zu machen?

Andreas Bauer:

Hallo Redatkion! Das die Schallplatte nochmal so eine Renaissance erlebt, hätte ich auch nicht erwartet. In den Jahren 2013 bis 2015  war aber abzusehen, dass die Nachfrage noch mehr steigen wird.
Da schon ein großer Erfahrungsschatz von meiner 7inch Presserei vorhanden war, haben wir uns letztendlich entschlossen, die 12inch Produktion in Angriff zu nehmen, was nochmal ein großer Schritt war.

Redaktion:

Um Vinyl zu pressen, bedarf es einen hohen Aufwand einzelner Arbeitsabläufe, Qualitätskontrollen durch qualifizierte Mitarbeiter die dieses Handwerk auch beherrschen. War es am Anfang bei eurer Gründung und Umsetzung schwierig alle Faktoren unter einem Hut zu bekommen, bis ihr los pressen konntet? War es besonders schwierig die notwendigen Maschinen für den Pressvorgang zu bekommen?

Andreas Bauer:

Im Schallplatten-Produktionsbereich gibt es eigentlich kaum noch ausgebildete Fachkräfte. Bei uns arbeiten hauptsächlich Quereinsteiger, die sich mit viel Ehrgeiz und persönlichem Engagement in die einzelnen Bereiche Schnitt, Galvanik, Produktion, Qualitätskontrolle etc. eingearbeitet haben.

Wir hatten Glück, und konnten noch ein paar der letzten alten Pressmaschinen bekommen.
Mittlerweile werden wieder neue Schallplattenpressen in Kleinserie gebaut.

Redaktion:

Die Spezialisierung von Kleinstauflagen steht bei euch im Fokus. Ihr konzentriert euch auf Aufträge von Artisten, kleinere Indie- Labels bis hin zu Kunden die Kleinstauflagen benötigen. Wollt ihr diese Nische beibehalten, gibt es ein Streben nach mehr und höhere Auflagen zu Pressen?

Andreas Bauer:

Die meisten größeren Presswerken haben oft sehr hohe Wartezeiten, deswegen werden wir unserer Nische sicher noch lange treu bleiben. Wir versuchen stets, die Lieferzeiten für unsere Kunden so kurz wie möglich zu halten. Großaufträge stehen uns da mehr im Weg.

Redaktion:

Welche Genre sind am meisten bei euren Aufträgen auf Vinyl gefragt? Gibt es einen genauen Trend der Genre, der sich für die nächsten Jahre etablieren wird? Welche Art von Schallplatten werden am meisten hergestellt? (Picture Disc, Sharpe, Goldene, Farbige Schallplatten, Singles (7 Inch.)?

Andreas Bauer:

Wir pressen hauptsächlich Musik aus dem Indiebereich, Soul, Reggae, Funk, Rock, Punk, Metal in allen Variationen, Pop, Jazz usw. Ein eindeutiger Trend ist nicht zu erkennen.
Bei den Formaten ist der Klassiker bei uns natürlich die 12inch und die 7inch in schwarz. Farbiges Vinyl wird bei uns sehr gerne als Teil einer Auflage bestellt.

Redaktion:

Schildere uns doch mal in wenigen Sätzen, wie so eine Schallplatte in der Regel hergestellt wird. Wie viele Schallplatten verlassen täglich euer Werk?

Andreas Bauer:

Als erstes werden vom angelieferten Audiomaster zwei Lackfolien überspielt, davon werden in der Galvanik Abzüge aus Nickelmetall hergestellt, die  nach mehreren Arbeitsschritten in die Pressmaschine eingespannt werden können. Zuerst bekommt der Kunde Testpressungen, um zu prüfen, ob alles einwandfrei ist (Titelreihenfolge usw.). Zeitgleich werden die Etiketten und Drucksachen (Cover, Einleger, Aufkleber usw.) für die Schallplatten bestellt, damit, wenn die Freigabe vom Kunden kommt, die finalen Platte gepresst werden können.

Redaktion:

Auf eurer Webseite ist zu entnehmen, dass die Lieferzeiten bis zu 10 Wochen dauern kann. Woran liegt diese Zeitspanne? Ist die Auslastung wie bei den anderen Presswerken auch schon an ihre Grenzen gekommen?

Andreas Bauer:

Wir haben durchaus einiges zu tun. Wir planen auch immer noch 1-2 Wochen Buffer mit ein, da bei einem analogen Produkt auch mal was schiefgehen kann. Ich habe allerdings auch schon von Wartezeiten bis zu einem Jahr gehört. Außerdem bieten wir Kunden, die es sehr eilig haben, für einen Aufpreis als FASTTRACK zu bestellen, dann sind die Platten i.d. Regel in 6 Wochen fertig.

Redaktion:

Die Vinyl Liebe der eingefleischten Fans ist allgegenwärtig. Sonst hätte die Vinyl im Digitalzeitalter wohl kaum überlebt. Wie erklärt ihr euch die Standhaftigkeit der Vinyl auf dem Weltmarkt? Kann man noch neue Märkte schaffen um das Geschäft voran zu treiben?

Andreas Bauer:

Die Vinylplatte ist einfach ein schönes Produkt, dass sich durchaus gegen unendliche, oberflächliche MP3 Fluten oder Dauervideoberieselung durchsetzen kann. Aufwändig gestaltete, großflächige Artworks haben ja auch Ihren Reiz. Es gibt ja bereits viele Synergien aus der digitalen Welt, die auch der Schallplatte zugute kommen. Z.b. können Bands ihre Platten mittels Crowdfounding finanzieren, bei Discogs können sich Sammler austauschen,
im Internet kann man sich auch bestens informieren, was es für tolle, ausgefallene Musikrichtungen, abseits vom Mainstream gibt usw.

Redaktion:

Mit Vinyl aus einer Sammlung geht man ja oft sehr sensibel um, ähnlich wie bei der Herstellung. Man hütet diese oft besser als seine eigene Frau/Freundin bei Sex. Man spricht auch von Umgang mit rohen Eiern. Woran liegt das nach deiner Meinung? Sind Schallplatten überwiegend „Männersache“?

Andreas Bauer:

Eine Schallplatte benötigt schon etwas Aufmerksamkeit und Pflege. Das kann aber wirklich jeder schnell erlernen. Meiner Erfahrung nach gibt es mehr Männer als Frauen, die Schallplatten sammeln, woran das liegt, kann ich nicht sagen.

Redaktion:

Warum sollte man noch in dieser Zeit Vinyl pressen lassen. Die meisten besitzen nicht mal mehr einen guten Plattenspieler zu Hause. Geschweige denn den Umgang damit? Siehst du persönlich in ein paar Jahren (oder Jahrzehnten), ein „AUS der Schallplatte“, wie es schon mal vermutet worden ist? Wo geht da die Reise hin?

Andreas Bauer:

Musik und gefühlte Erinnerungen sind oft sehr eng miteinander verbunden. Wer erinnert sich nicht gerne an die Musik, die er gehört hat, als er die Frau fürs Leben kennengelernt hat?
Als DJ erinnere ich mich auch gerne an die Musik, bei der die Gäste so richtig abgegangen sind. Wenn diese Erinnerung dann noch ein nett anzusehendes kleines Kunstwerk ist, umso besser. Für mich schon Grund genug, davon eine Schallplatte zu pressen. Natürlich ist die Platte ein Luxusprodukt, das in der modernen Welt anscheinend keinen Platz hat. Oder doch?

Redaktion:

Es gibt also viele Argumente für Sammler und Musik Freaks, sowie DJs, die Schallplatte als wahre Schätzchen zu hüten. Sich neue zu zulegen, um die Wertschätzung von Musik und der Kunst weiter Schallplatten zu pressen. Dieses schafft zuletzt auch Arbeitsplätze.

Die Redaktion bedankt sich bei Andreas Bauer fürs Interview.

Tipps der Redaktion für den Hausgebrauch:

  • Kaminfeuer
  • Rotwein
  • mit der Frau/Freundin in den Arm gemütlich auf der Couch
  • eine alte OTTO Waalkes Schallplatte auflegen
  • Hören, Lachen und genießen zusammen

so hat die Frau/Freundin auch was davon und lässt die Finger von der Vinyl Sammlung. Damit kann man den Streit aus dem Weg gehen, wenn die Frau wieder mal sagt: „Du und deine Schallplatten, nie hast du mal richtig Zeit für mich“! Damit wäre das denn auch geklärt.

Links:

https://my45.de/de

Autor: Tomko

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