Connect
To Top

Wie PDFs Notenblätter ersetzten: Das papierlose Orchester

Mobile Bildschirme und E-Reader haben die Art und Weise, wie wir Publikationen konsumieren, nachhaltig verändert. Es erstaunt darum wahrscheinlich die wenigsten, die in den Genuss eines modernen Live-Orchesters kommen, dass anstelle von weißen Notenblättern immer häufiger Bildschirme von den Notenständern leuchten. Wie Portable Document Files (PDFs) die Orchesterwelt revolutioniert haben und wie die papierlose Symphonie aussieht, kannst du hier nachlesen.

Das MusicPad Pro 

Wusstest du, dass einer der Vorgänger unseres modernen iPads speziell für Musiker entwickelt wurde? Die Firma FreeHand Systems, die sich auf Technologien für die Musikindustrie spezialisiert hat, brachte 2004 das erste MusicPad Pro heraus. Das Gerät war über 2 kg schwer, mehrere Zentimeter dick und hatte einen ca. 12 Zoll großen Bildschirm – alles um ein einziges Programm abzuspielen, dass Musiknoten wiedergab. Natürlich waren Noten in digitalen Formaten bereits zuvor gang und gäbe. Doch speziell Orchestermusiker, die sich mit langen Stücken beschäftigen, druckten diese für gewöhnlich aus, um damit zu arbeiten. Ausgestattet mit einem Fußpedal, bot das MusicPad Pro eine saubere Lösung für das Timing beim Umblättern während des Spielens. Darüber hinaus hatte es eine Annotationsfunktion, die es Musikern und Dirigenten erlaubte, die digitalen Notenblätter zu markieren, wie sie es vom Papierformat gewohnt waren.

Spätestens mit der Einführung des ersten iPads 2010 war klar, dass ein Tablet, das ausschließlich für die Wiedergabe von Musiknoten gedacht ist, einfach nicht mehr dem Zeitgeist entsprach. Die papierlose Revolution, die davon in der Orchesterwelt gestartet wurde, schritt im Vergleich zu anderen Musikbereichen und -richtungen langsam voran. Wer heutzutage Notenblätter digitalisieren will, braucht dazu nur ein Smartphone mit einer Kamera, um sie abzufotografieren und einen Internetzugang. Mit der Hilfe kostenloser Online-Applikationen wie zum Beispiel von Adobe ist es leichter und unkomplizierter denn je, JPG in PDF umzuwandeln, die in der Folge ebenfalls bearbeitet werden können, doch das ist erst seit relative kurzer Zeit so.

Jeff Wayne’s The War of the Worlds

Das erste Orchester, das dafür bekannt wurde, sich der neuen Tablet-Technologie zu bedienen, war jenes, das Jeff Wayne auf seiner “Der Krieg der Welten” Tour 2006 begleitete. Über 50 Musiker, darunter namentliche Solokünstler aus Klassik und Rock wie Herbie Flowers und Justin Hayward, waren an dem zweistündigen Musikspektakel beteiligt. Die Notenblätter dafür waren so umfangreich, dass es für die Musiker bei den Live-Auftritten ein Problem darstellen. Hier kam das MusicPad Pro in Spiel, das mit 64 MB internem Speicher versehen war. Das klingt in der Gegenwart nicht mehr nach viel, doch Jeff Wayne konnte die gesamte Dirigierpartitur des Konzertes – mehrere Tausend Seiten – auf seinem Gerät speichern. Die “The War of the Worlds” Tour befindet sich derzeit in ihrem 16. Tourjahr.

Brussels Philharmonic

Die Brüsseler Philharmonie gilt als Vorreiter in Sachen papierlose Performance in Europa. Im November 2012 spielte das Orchester zum ersten Mal ein Konzert ohne traditionelle Notenblätter. Dies wurde durch eine großzügige Spende des koreanischen Tech-Riesen Samsung ermöglicht, der hundert Galaxy Note 10.1 Tablets für die professionellen Musiker bereitstellte. Der Hersteller tat sich mit dem belgischen Online-Notenverlag neoScores (aktuell: GoGustaf) zusammen, um ein Programm zu entwickeln, das den Bedürfnissen eines klassischen Orchesters in allen Belangen gerecht wird. Die Anwendung war in der Lage aus einer Datei, die ein ganzes Orchesterstück beinhaltet, die individuellen Parts der Instrumente herauszulesen und sie separat an die Tablets der entsprechenden Orchestermitglieder zu senden.

Das Konzert, in dem Ravels “Bolero” und “Prélude und Liebestod” aus Wagners Tristan und Isolde interpretiert wurden, wurde als großer Erfolg betrachtet. Die Musiker lobten unter anderem, dass das Umblättern über den Touchscreen ohne Verzögerung erfolgte. Darüber hinaus erlaubte die Applikation das Anpassen der Schriftgröße an die Bedürfnisse des Musikers und die Tonart konnte mit wenigen Klicks verändert werden. Einer der wenigen Kritikpunkte war die Bildschirmgröße, denn mit 10,1 Zoll war die Fläche weitaus kleiner als die der gewohnten A4 Notenblätter. Verlage, die Musiknoten in einem kompatiblen Format zur Verfügung stellten, gab es lange Zeit nicht und die Stücke mussten von den Musikern vorerst selbst digitalisiert werden.

Eingescannte oder abfotografierte JPG in PDF umzuwandeln, die später bearbeitet werden können, ist heute kinderleicht. Denn Software wird ständig besser darin, gescannte und fotografierte Inhalte intelligent zu konvertieren. Obwohl sich immer häufiger auch Orchestermusiker und -dirigenten der modernen Technologien bedienen, sind papierlose Orchester noch nicht die Regel.

Kindred Spirit Orchestra (Toronto)

Das Kindred Spirits Orchestra, das seinen Sitz in Toronto hat, gab Ende 2021 bekannt, dass es sein Archiv erfolgreich vollständig digitalisiert hat. Allen Musikern werden iPad Pros zur Verfügung gestellt, um die Notwendigkeit Noten auszudrucken zu eliminieren. Im Durchschnitt 20.000 Printseiten jährlich werden damit eingespart. Hinzu kommen Stifte, Radiergummis und natürlich die Am-Kopierer-verbrachte-Zeit. Damit ist es das erste Symphonieorchester in Kanada, das seinen CO2-Fußabdruck derart umfassend reduzieren konnte.

Kristian Alexander, der musikalische Direktor drückt aus: “Das KSO ist stolz darauf, Teil einer wachsenden internationalen Gemeinschaft von Kunstinstitutionen zu sein, die sich einem umweltbewussten Geschäftsmodell zugewandt haben”.

Fazit

Das Symphonieorchester ist eine über 400 Jahre alte, traditionsreiche Institution. Trotz des wachsenden weltweiten Umweltbewusstseins und der digitalen Revolution hielten sich Kompositionen in Papierform bis vor Kurzem relativ hartnäckig. Die Herausforderungen im Zusammenhang mit der COVID-Pandemie haben das Umdenken und die Digitalisierung des Orchesters allerdings wesentlich vorangetrieben.

More in Musikbizz